Wieso ich mein Studium abgebrochen habe

Wieso ich mein Studium abgebrochen habe

Jahrelang habe ich darauf hingearbeitet mich irgendwann an der Universität einschreiben zu können. Es war mein Traum in Hörsälen zu sitzen und etwas über die Fächer zu lernen, die mich wirklich interessieren. Als es dann so weit war, holte mich die triste Realität sehr schnell ein. Das Lesen der klausurrelevanten Texte wurde sogar für die eingefleischte Leseratte zur lästigen Pflicht, der Weg zur Uni (für jemanden der regelmäßig 300 km Fahrtweg auf sich nimmt um in die Heimat zu fahren) zur persönlichen Hölle und die Vorlesungen zum Grund gar nicht erst loszufahren. Wieso ich das alles so schlimm empfand und ich letztendlich sogar mein Studium abgebrochen habe erfahrt ihr im folgenden Post.

studium abgebrochen
Photo by Sharon McCutcheon on Unsplash

Die ersten Wochen waren surreal und sehr intensiv. Ständig saß ich in der Bahn unterwegs zur Uni oder eben auf dem Nachhauseweg und dachte über die Inhalte der Vorlesungen nach. Das erste Mal in der Mensa essen und sich über guten 80ct Pudding freuen, interessante amerikanische Gedichte lesen und zwischen Hunderten von Kommilitonen sitzen und gespannt der Vorlesung folgen; das waren meine ersten Eindrücke. Doch schon nach wenigen Wochen merkte ich, dass ich mit dem Lesestoff nicht wirklich hinterher kam und meine Aufgaben ständig auf den nächsten Tag verschob (obwohl ich sonst alles sofort erledige). Es fiel mir plötzlich schwer mich um 6 Uhr morgens für ein frühes Seminar aufzustehen, obwohl ich in Schulzeiten manchmal sogar früher aufgestanden bin. Auch der Anfahrtsweg von 1,5 Stunden schlauchte mich, obwohl ich zur Schule genauso lange gebraucht habe. 

Irgendwie anders als die anderen

Ich kam mir wie ein Alien vor. Die meisten meiner Kommilitonen waren sehr viel jünger als ich; wenn jemand in meinem Alter war hatte er meist schon eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein bereits abgeschlossenes Bachelor Studium hinter sich. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass das so sein, nicht aber damit, dass es mich so belasten würde. Ich habe mich oft fehl am Platz gefühlt, wenn andere Studierende von ihren Tutorien und strukturierten Betreuungen sprachen und ich all diese Veranstaltungen schwänzte weil sie nicht verpflichtend waren. Gleichzeitig überraschte es mich, dass ich so viel ausfallen lies, vor allem weil ich zu Schulzeiten das komplette Gegenteil war.

Schnell wurde mir klar, dass die Universität nicht mit der Schule zu vergleichen ist. Nur weil ich in der Oberstufe Jahrgangsbeste war und meist sogar noch Fleißarbeiten machte, hieß das nicht, dass es an der Uni genauso laufen würde. Ich hatte mir zwar nicht zum Ziel gesetzt die Beste zu sein oder alles super, perfekt und richtig zu machen, aber dass mir die Uni so wenig Spaß machte und ich die Aufgaben entweder gar nicht oder extrem widerwillig erfüllte machte mich irgendwann stutzig.

Immer wieder fragte ich meine Kommilitonen was sie nach dem Studium machen wollten, worauf ich immer die Antwort bekam “Weiß nicht, mal gucken”. Ich hingegen wusste genau was ich machen wollte: In einem Verlag als Lektor arbeiten oder als Redakteur für ein Reisemagazin arbeiten. Ständig dachte ich an diese ferne Zukunft, die sich erst nach 3 Jahren Studium und einem Jahr Volontariat vielleicht, aber auch nur vielleicht erfüllen würde. Ich merkte, dass ich irgendwie lieber schon jetzt in einem Büro sitzen und einer Tätigkeit nachgehen würde, die meinen Vorstellungen entsprach.

studium abgebrochen
Photo by Timon Studler on Unsplash

Der Zusammenbruch

Ich saß dienstagvormittags im Seminar “Introduction to Literary Studies” und verfolgte gelangweilt die Präsentation zum Thema Versmaß. “So habe ich mir das nicht vorgestellt” dachte ich. “Wie hast du es dir denn vorgestellt?” war die Frage die ich mir kurz darauf stellte. “Ich dachte wir lesen hier berühmte Klassiker und so…” Plötzlich kam ich mir unglaublich blöd vor. “Aber das kannst du doch auch zuhause?! Dafür musst du nicht studieren.” 

Als ich wieder zuhause war, checkte ich meine Mails. Ich hatte einige Tage zuvor einem Professor eine Mail geschrieben, da ich eine organisatorische Frage hatte. Die Antwort die ich jetzt las war pampig, genervt und vor allem leicht beleidigend. Die ganzen unterdrückten Gefühle der vergangenen Wochen kamen plötzlich ans Tageslicht und ich brach in Tränen aus. Mein Kater Hector sprang auf mein Bett und sah mich besorgt an, legte seine Vorderpfoten auf mein Bein und begann zu schnurren als wollte er mich beruhigen. 

Die Entscheidung

Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, saß ich eine Weile still auf meinem Bett und dachte nach. Irgendwann nahm ich mein Handy und googelte “Studium abbrechen”.

Ich stieß auf zahlreiche Erfahrungsberichte von Leidensgenossen. Manche haben ihr Studienfach gewechselt, was für mich leider nicht in Frage kam, da ich weder besondere Fähigkeiten in den Naturwissenschaften noch im Finanzwesen vorzuweisen habe. Die anderen geisteswissenschaftlichen Fächer würden wahrscheinlich alle ähnlich theoretisch aufgebaut sein und sich eher mit dem wissenschaftlichen Arbeiten als mit den Inhalten an sich beschäftigen.

Bald fand ich diverse Artikel darüber, dass viele Unternehmen mit Freuden ihre Ausbildungsplätze an Studienabbrecher vergeben; nicht zu letzt weil immer mehr Lehrstellen unbesetzt bleiben. 

Photo by Masaaki Komori on Unsplash

Die Erleichterung: Ausbildung

Für mich war klar: Ich möchte mit Medien arbeiten; entweder im Verlag oder bei einer Zeitung bzw. Zeitschrift. Der Ausbildungsberuf der Medienkauffrau (früher Verlagskauffrau) schien mir daher mehr als perfekt für mich zu sein. Man durchläuft alle Abteilungen eines Verlages bzw. Medienhauses und startet später in dem Bereich durch, der einem am meisten zugesagt hat. Ich bewarb mich bei mehreren Häusern und bekam auch gleich ein sehr gutes Angebot in meiner Nähe.
Im August 2018 beginne ich also meine Ausbildung und könnte darüber glücklicher nicht sein. Für mich ist dieser Wandel kein Versagen oder ein “Mit weniger zufrieden geben”. Und obwohl mir immer wieder Leute mit Unverständnis und manchmal sogar Arroganz und Überheblichkeit begegnen, bereue ich meine Entscheidung nicht.

Manchmal ist es einfach wichtiger auf das Bauchgefühl zu hören, auch wenn das bedeutet sich umorientieren zu müssen. 🙂

Ein Gedanke zu „Wieso ich mein Studium abgebrochen habe

  1. Ich glaube wenn du damit glücklich bist was du tust und es sich für dich richtig anfühlt wenn du es tust, dann hast du definitiv die richtige Entscheidung getroffen! 🙂
    Die (baldige) zweifache Abiabbrecherin drückt dir auf jeden Fall alle Daumen die sie hat (und vielleicht die der anderen auch einfach gleich mit)!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.